Design in Shanghai – die LSOD auf Besuchsreise in China

24.05.2017 - 15:46

Design in Shanghai – die LSOD auf Besuchsreise in China

Etwas mehr als zwei Jahre ist es her, dass Studenten und Dozenten der Shanghai Art & Design Academy (SADA) an unserer Schule an einem Workshop teilnahmen. Um die Zusammenarbeit zu festigen, erhielten wir eine Einladung die renommierte Designschule in Shanghai zu besuchen.

Ende April 2017 war es soweit. Für eine Woche reisten die LSOD Geschäftsführer Steve Hauswald und Thomas Schneider nach Shanghai – in eines der großen Wirtschaftszentren Chinas.

Sightseeing zum Ankommen

Was ist das einfachste Mittel sich in einer schwül warmen Großstadt zu akklimatisieren? Sightseeing natürlich! Die Innenstadt Shanghais mit seinen 15 Mio. Einwohnern hat alles, was man sich auf Reisen wünscht: eine authentische historische Altstadt mit verwinkelten, kleinen Gassen und schmackhaften Straßenrestaurants und Garküchen; eine prächtige Uferpromenade mit Ausblick auf die moderne Skyline von Pudong; ein riesiges Angebot an Kultur und nicht zuletzt eine beeindruckende Verkehrsinfrastruktur. Dank der Metro und des Transrapids gelangten Hauswald und Schneider zügig zu ihren Geschäftsterminen.

Hochschule fürs Kooperieren

An der SADA hielt Thomas Schneider vor Studenten und Professoren eine Vorlesung zum Thema „Wie entsteht Design und warum eine Kopie niemals Design ist“. Die SADA arbeitet momentan daran eine eigene Designsprache und ein eigenes Ausbildungssystem für visuelle Gestaltung zu entwickeln. Aus diesem Grund trafen sich die Schulleitung der SADA und der LSOD um sich auszutauschen und Ideen für die zukünftigen Zusammenarbeit zu finden.
Die Gäste aus Leipzig besichtigten zudem den Hochschulcampus und die Werkstätten. Am Hochschulleben fiel ihnen die große Leistungsbereitschaft und der offene und unkomplizierte Umgang zwischen Studenten und Professoren auf. Um ein Gespräch mit der Lehrkraft zu führen, waren keine Termine notwendig, weil der Dozent oder Werkstattmeister in Rufnähe präsent war.
Gewöhnungsbedürftig für nicht sozialistisch Sozialisierte: die Studenten schlafen auf dem Campus und auch für den Morgenmuffel gibt es täglich Frühsport. Bleibenden Eindruck hinterließen die Druckwerkstätten.

Designbüro zum Staunen

Einen Einblick in den aktuellen Stand der chinesischen Designpraxis erhielten die LSOD Geschäftsführer beim Besuch von Way Design, einem Designzentrum auf 5500qm Fläche und mit 140 Angestellten, das sich auf Transportation Design spezialisiert hat. „Die lichtdurchfluteten riesigen Büro- und Präsentationsräume, die Möglichkeit Funktionsmodelle und Prototypen herzustellen, das riesiges Materiallager und die neuste Maschinentechnik, die Designer hier vorfinden, sind atemberaubend,“ berichtet Steve Hauswald über seine Eindrücke.
„Es ist für mich als Designer fast schon frustrierend zu sehen, dass hier wie selbstverständlich große Designbüros errichtet werden. Hier muss der Wirtschaft nicht erklärt werden, was Design leisten kann, sondern es ist natürlicher Teil der Produktentwicklung und wird einfach gemacht“ erklärt Thomas Schneider die chinesische Einstellung zum Design.

Die Offenheit der Menschen vor Ort hat unsere Geschäftsführer beeindruckt. Auf der Reise wurde das gegenseitiges Vertrauen der Bildungseinrichtungen ineinander gestärkt. Die Kooperation zwischen der LSOD und SADA wird fortgeführt. In 2018 gibt die LSOD Kurse an der chinesischen Hochschule. Im Jahr darauf werden die fortgeschrittenen Studenten der SADA die LSOD besuchen. Wir sind gespannt!

Kreativzentrum Shanghai

Die Reise nach Shanghai führte die LSOD Geschäftsführer in das Zentrum der chinesischen Kulturindustrie. Die Stadt am Huangpu war die erste Stadt in China mit eigenen Design-, Film- und Musikstudios. Dem Wirtschaftssektor Design wird hier dabei ein besonderer Stellenwert beigemessen. Laut Bericht der Unesco gab Ende 2013 über 4000 designspezifische Einrichtungen, wie Agenturen, Bildungsstätten oder Ausstellungsräume. Das übersteigt um ein Hundertfaches die Anzahl anderer Kulturorte, wie z.B. Archive (743), Kunstateliers (283) oder Museen (100).

Shanghai bietet einen besonders guten Nährboden für kreatives Potential und das aus mehreren Gründen.

  • Shanghai ist der Ort, an dem neue Produkte und eine Änderung des Lebensstils am schnellsten Einzug hielten. Am Meer gelegen, ist sie das historisch gewachsene Zentrum des Außenhandels und die Stadt in China mit den meisten internationalen Kontakten und Einflüssen.
  • Shanghai gehört zu den leistungsfähigsten Städten Chinas. Als Sonderwirtschaftszone und dank umfangreicher Investitionen der Regierung in Infrastruktur und Innovationen erlebte die Stadt seit den 1980er Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung. Heute ist sie Zentrum zahlreicher wissenschaftlicher Institutionen, die eine effiziente Forschung und unkompliziertes Recruiting sichern und profitiert von Hightech-Industrieansiedlungen im Hinterland.  

Wirtschaftsfaktor Design

Seit über 30 Jahren arbeitet China daran, den Lebensstandard der Bevölkerung flächendeckend zu heben und wirtschaftliche Reformen umzusetzen. Mit einem riesigen asiatischen Markt vor der eigenen Haustür ist es Ziel, Investitions- und Konsumgüter selbst zu produzieren. Design gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung. 

Anfang der 1980er Jahre wurden Sonderwirtschaftszonen errichtet, in Folge dessen sich ausländische Unternehmen ansiedelten und begannen, in China zu investieren und zu produzieren. Billige Arbeitskräfte und ein stabiles politisches Gefüge führten dazu, dass das Land  zur Werkbank westlicher Unternehmen v.a. der Kleidung-, Schuh- und Chip-Industrie wurde.
Durch Kopieren, Fälschen und Optimieren lernten die chinesischen Arbeiter in kürzester Zeit, wie man technische Entwicklungen erkennt, Fabriken managt und Produkte herstellt. So ist in den chinesischen Produktionszentren ein eigenes hochdynamisches Produktionsmodell für die Massenindustrie entstanden.

Die Wachstumszentren der Ostküste sind jedoch seit langem einem harten Wettbewerb durch andere Billiglohnländer wie Bangladesh, Philippinen, Vietnam oder Laos ausgesetzt. Im Konjunkturprogramm 2008 kündigte die chinesische Regierung daher an, die Wirtschaft von der Werkbank der Welt hin zu einer wissens- und serviceorientierten Wirtschaft umbauen zu wollen. Die Investitionen in Bildung, Forschung und Innovation wurden massiv erhöht. Im Bereich der Designausbildung errichtete die chinesische Regierung Bildungseinrichtungen und stattete sie umfangreich aus. Zudem wurden Auslandsstipendien an Studenten vergeben und Bildungskooperationen initiiert.

Parallel dazu legte die Regierung Wert darauf Design kulturell zu verankern. 2010 trat Shanghai dem UNESCO Creative City – Netzwerk bei. In der Stadt wurde ein Büro eröffnete, das der Kommunalkommission für Wirtschaft und Technologie unterstellt ist und erfolgreich Design- und Architekturmessen, Ausstellungen und Kooperationen organisiert. Die „Design Shanghai“ gehört mittlerweile weltweit zu den führenden Messen ihrer Art.

Designausbildung in China

Im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern hat es China verstanden, das Wissen und Kapital der ausländischen Investoren zum eigenen Vorteil zu nutzen. Ziel der chinesischen Wirtschaft und Industrie ist es, innovative Konsum- und Investitionsgüter für den asiatischen Markt zu produzieren. Es kommt nicht nur darauf an Dinge zu kopieren, sondern Produkte zu entwerfen, die es bisher noch nicht gab.

Der Prozess wie man in westlichen Industrieländern Design generiert, ist in China allerdings nicht verbreitet. Hier hat die Tradition des Nachahmens kulturbedingt einen hohen Stellenwert und es herrscht ein Mangel an qualifizierten Designern. Aus diesem Grund sind chinesische Bildungseinrichtungen seit geraumer Zeit daran interessiert, das Know-How der Gestaltung kennenzulernen. Bei den Bildungskooperationen geht es jedoch nicht darum ausländische Modelle eins zu eins zu übernehmen. Bei der Zusammenarbeit soll etwas Neues entstehen, das dem deutschen und chinesischen Bildungscharakter gleichermaßen Rechnung trägt.

Die universitäre Designausbildung zielt darauf ab, die kreativen Talente der jungen Leute zu fördern und ihre fachlichen Fertigkeiten zu schulen. Dadurch sollen sie später möglichst rasch in den Arbeitsprozess integriert werden können. Besonderes Interesse besteht daran, die inhaltlichen Grundlagen der visuellen Gestaltung kennenzulernen und methodische Experimente zu Findungen und Einfällen in der Gestaltung durchzuführen. Auf Seite der Lehrenden ist man zudem daran interessiert, pädagogisch-didaktische Kenntnisse zu erwerben, um die Qualität der Lehre zu verbessern.

Die große Herausforderung bei der Designausbildung besteht darin, die im chinesischen Bildungs- und Kultursystem begründeten Eigenheiten und Verhaltensweisen aufzubrechen und individuelle Denk-, Assoziations- und Experimentierprozesse bei den Studenten anzuregen. Chinas universitäre Designausbildung steckt noch in den Kinderschuhen. Ihr Erfolg wird davon abhängen, welcher Raum den Studierenden für die Entfaltung der Persönlichkeit und Fantasie gegeben wird. Die zukünftigen Designer werden es sein, die den Dingen eine Bedeutung geben.

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